
Natasha Tontey: The Phantom Combatants
The Phantom Combatants and the Metabolism of Disobedient Organs ist eine neue Auftragsarbeit von Natasha Tontey. Sie wird im Ateneo Veneto präsentiert, einem Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, in dem heute eine Akademie für Wissenschaft, Literatur und Kunst untergebracht ist.
Einleitung
Tonteys multimediale Installation erzählt die Geschichte der indonesischen Widerstandskämpferin Len Karamoy neu. Karamoy war Teil der Permesta-Bewegung, die sich Ende der 1950er-Jahre gegen die Zentralregierung Indonesiens stellte. In Tonteys Interpretation ist Karamoy keine alleinstehende historische Figur, sondern eine mythische Präsenz, die sich durch einen Chor junger Kriegerinnen in die Phantomkämpferinnen vervielfacht.

"Das Werk folgt einer weiblichen Widerstandskämpferin, die zwischen Geschichte, Gerücht und Mythos hin und her gleitet." – Natasha Tontey
Die Videoinstallation verbindet campy B-Movies-Ästhetik mit CGI-Effekten und verschiedenen Bildgebungstechnologien. Dazu gehören ein neues Quantum-Ghost-Imaging-Tool, das Photonen zur Erzeugung von Bildern nutzt, sowie die Fernerkundungsmethode LiDAR und 3D-Modellierungstechniken der Photogrammetrie und Wärmebildkameras. In ihrer künstlerischen Nutzung verweisen sie auf Methoden, mit denen sowohl Körper als auch Landmasse vermessen, kartografiert und militarisiert werden. Tonteys Werk zeichnet sich durch stark stilisierte Kostüme und Requisiten aus und steigert sich zu Momenten intensiver Theatralität, die nicht zuletzt durch ihre so spielerischen wie einfallsreichen Schnitttechniken erzeugt werden. Einige zentrale Requisiten wurden zu einer Skulptur kombiniert, wodurch die Bildsprache des Videos in der Installation materiell fortgeführt wird.
Die von Giulia Foscari (UNA / UNLESS) entworfene Ausstellungsarchitektur wird von einer sich windenden Rampe umschlossen, die als Verweis auf die „Kreise der Hölle“ in Dantes Inferno verstanden werden kann. Die ungewöhnliche Wegführung ermöglicht den Besucher:innen einen Blick aus nächster Nähe auf Jacopo Palma il Giovanes Gemäldezyklus des Fegefeuers (1600), die in die Kassettendecke eingelassen sind und von Tontey in rotes Licht getaucht werden. Die Darstellung der Seelen in diesem Übergangsstadium findet ein Echo in der Auseinandersetzung mit dem ungelösten politischen Konflikt, der in The Phantom Combatants thematisiert wird. Der verspiegelte Boden reflektiert sowohl die Gemälde als auch Tonteys Bilder und erzeugt so ein Zusammenspiel mythischer Figuren, die jenseits der Zeit miteinander kommunizieren.
Als dritter Teil von Tonteys Anthologie Macho Mystic Meltdown (2025–26) stellt The Phantom Combatants feministische und indigene Perspektiven in den Mittelpunkt und eröffnet so neue Formen des Widerstands. Die Arbeit ist ein höchst aktueller Aufruf zu mehr Autonomie und Selbstbestimmung. Sie fordert dazu auf, das Konzept der Souveränität neu zu betrachten, und zwar nicht nur in Bezug auf Territorium und Wissen, sondern auch auf den Körper selbst. In einer Welt, in der alle drei weiterhin Schauplätze von Machtkämpfen sind, gewinnt diese Perspektive eine besondere Dringlichkeit. Natasha Tontey: The Phantom Combatants and the Metabolism of Disobedient Organs (2026) ist eine gemeinsame Auftragsarbeit von LAS Art Foundation (Berlin) und Amos Rex (Helsinki) und wird anlässlich der Biennale di Venezia – 61. Internationale Kunstausstellung präsentiert.
Handlung
Das Video ist ein fiktionales Werk, das auf der Lebensgeschichte von Len Karamoy basiert. Die minahasische Rebellin war von 1957 bis 1961 als Widerstandskämpferin in der Permesta-Bewegung aktiv, die sich gegen die Herrschaft der indonesischen Zentralregierung auflehnte. Tonteys Geschichte spielt im Gebiet der Minahasa in Nordsulawesi zur Zeit des Kalten Krieges. Zu Beginn schwenkt die Kamera über die Felder unterhalb des Mount Lokon, während in der Morgendämmerung Rauchschwaden aus dem Vulkan über den Himmel ziehen. Unterlegt sind die Bilder der aufgeladenen Landschaft mit der Stimme der Widerstandskämpferin Len Karamoy, auch bekannt als „The Phantom Combatant“ (dt. Phantomkämpferin), die drei Brüste und einen hyper-muskulösen Körper hat. Sie berichtet, wie die Regierung während der Nationenbildung nicht nur das Land, sondern auch die Menschen als ausbeutbare Ressourcen betrachtete.
Die Phantomkämpferin schildert, wie die Widerstandsbewegung von einem Kameraden verraten wurde: Jan Timbuleng, der Kommandeur des Bataillons 999 und Karamoys ehemaliger Liebhaber. In einer Rückblende lernen wir sieben maskierte Kriegerinnen kennen, die im Hauptquartier der Permesta, einem Salon im Space-Age-Stil, trainieren. Timbuleng gründet seine eigene radikale Splittergruppe, die die Permesta schwächt. Als der Verrat auffliegt, brechen die Kriegerinnen in rasende Wut aus und attackieren Timbuleng mit ihren Waffen. Verwundet, aber noch am Leben, wird er gefangen genommen und muss seine Strafe abwarten.
Die Kriegerinnen reiten im Morgengrauen auf Ponys durch den Wald und gelangen zu einem mystischen Übungsplatz, der von einer älteren Schamanin bewacht wird. Sie trägt einen Umhang mit Totenköpfen und hält einen Stab in der Hand. Unter der Führung der Schamanin kanalisieren sie die Energien ihrer Vorfahren, um die Phantomkämpferin zu befruchten. Deren Körper beginnt, sich in rasendem Tempo zu verändern, während ihre Schwangerschaft voranschreitet. Die Schamanin vollzieht ein Ritual mit gedämpften Heilkräutern und begleitet sie bei der Geburt eines Lichtstrahls, der einer singenden Vagina dentata entweicht. Das Licht entschwindet sodann in einer Teekanne. Im Inneren des Gefäßes befindet sich das Permesta-Hauptquartier, in dem auch Timbuleng gefangen gehalten wird. Die Kriegerinnen bestrafen den Verräter, indem sie ihm die Ohren abschneiden. Anschließend gießt die Schamanin den Inhalt der Teekanne zurück in die Welt, wo die Kriegerinnen den Umhang der Schamanin besetzen, der sich in eine Projektionsfläche verwandelt hat. Darauf zu sehen sind schwarz-weiße Kampfflugzeuge und ein Skywriter, der das Wort „OTONOMIA“ (AUTONOMIE) in den Himmel schreibt. Der Epilog zeigt den besiegten Timbuleng, nun ohne Ohren, jedoch mit der Botschaft „I YAYAT U SANTI. 999“ (HEBT EUER SCHWERT) auf der Innenseite seiner Unterlippe tätowiert. Die Geschichte endet mit einem Appell, den Kampf für Autonomie unermüdlich fortzuführen.
Lesehinweise
Die indigene Gruppe der Minahasa (oder Minahassa) lebt auf der Minahasa-Halbinsel in Nordsulawesi, Indonesien. Ihre Weltanschauung wurzelt im Animismus und in einer symbiotischen Beziehung zur Natur. Sie ist geprägt von Verwandtschaften, wechselseitigem Geben und Nehmen und einem Weltverständnis, bei dem der Mensch nicht im Zentrum steht. Die manguni (Eule), ein Symbol für Weisheit, Schutz und göttliche Führung, erscheint in Tonteys Video auf einer Steinschleuder.
Der wali’an sekad (wie der rituelle Stab der Schaman:innen genannt wird) steht für die Autorität der Vorfahren und für spirituelle Macht.
Die von den Wali’an getragenen Yaki-Schädel (Makaken) werden in Kriegsritualen verwendet und symbolisieren den kriegerischen Geist der Minahasa.
Die Bakera (eine Art Dampfschale) dient zur Inhalation von Dämpfen aus Blättern, Wurzeln und Gewürzen und kommt bei heilenden oder reinigenden Ritualen unter Anleitung eines:r Wali’an zum Einsatz. In Tonteys Video entfaltet das Bakera-Ritual zudem eine psychoaktive Wirkung, indem es die Kriegerinnen mithilfe chemischer Substanzen stärkt.
Permesta war eine politische Bewegung in Nordsulawesi, die von 1957 bis 1961 gegen die Herrschaft der indonesischen Zentralregierung opponierte und während des Kalten Krieges Unterstützung von der CIA erhielt. Der Name Permesta leitet sich von Perjuangan Semesta ab, was so viel wie „universeller Kampf“ bedeutet. Als Ausdruck dieses rebellischen Geistes trägt Jan Timbuleng eine Tätowierung auf der Innenseite seiner Unterlippe: „I YAYAT U SANTI“, ein Kriegsruf der Minahasa und Ausdruck der Tapferkeit, der grob übersetzt „Erhebt euer Schwert“ bedeutet.
Das Fegefeuer bezeichnet im christlichen Glauben einen temporären Ort an der Schwelle, wo Seelen vor dem endgültigen Eintritt in den Himmel oder die Hölle vor Gericht gestellt und geläutert werden. Tontey greift dieses Konzept im Ateneo Veneto auf, indem sie die Besucher:innen einlädt, Jacopo Palma il Giovanes Gemäldezyklus des Fegefeuers (1600) aus nächster Nähe zu betrachten. Ganz ähnlich fungiert die Teekanne in Tonteys Video als Ort der Läuterung, eine Art Fegefeuer, in dem Jan Timbuleng verharren muss, um für den begangenen Verrat zu büßen. Im Inneren des Gefäßes wird Recht auf eine Art gesprochen, wie es in der Geschichte bisher nicht erfolgt ist, bevor die Figuren schließlich zurück in die Welt geschüttet werden. Diese Szene verdeutlicht Tonteys spezifischen Umgang mit dem Genre der spekulativen Fiktion. Dieser orientiert sich an der Logik von Serien wie The Twilight Zone, in denen sich surreale Räume öffnen, um unaufgearbeitete Geschichten und moralische Abrechnungen neu zu verhandeln.
Der Xenofeminismus ist eine Art des feministischen Denkens, die „Natur“ als feststehende Kategorie ablehnt und sich für den Einsatz von Technologie ausspricht, um jegliche geschlechtsspezifische Unterdrückung zu überwinden. Der Xenofeminismus strebt Befreiung durch Hacking, Transformation und die Entwicklung „fremdartiger“ Zukunftsvisionen an, anstatt zu einem vermeintlich ursprünglichen Zustand zurückzukehren. Das Konzept geht auf das Kollektiv Laboria Cuboniks zurück; es nimmt Bezug auf das Manifest des Projekts, das zu einem aktivistischen Umgang mit Technologie aufruft: „If nature is unjust, change nature!“ (Ist die Natur ungerecht, dann ändert die Natur!) Tontey verfolgt einen xenofeministischen Ansatz in ihrer Arbeit und nutzt Technologie, Transformation und Mehrdeutigkeit, um geschlechtsspezifische Stereotypen zu hinterfragen. Ihre Figuren und symbolischen Motive denken Machtverhältnisse neu, indem sie „monströse“ Formen zurückerobern und Exzess, Kollektivität und Widerständigkeit zelebrieren.
Figuren mit mehreren Brüsten und andere Mehrfachformen tauchen überall im Video auf, wobei Körper und Organe die weibliche Handlungsfähigkeit und Weisheit stärken. Die Phantomkämpferin tritt dreibrüstig auf, die Kriegerinnen formieren sich zu siebt, und die ältere Schamanin erscheint als vierbrüstige Verkörperung kosmischer Einsicht. So verwischt Tontey die Grenze zwischen Mensch und nichtmenschlichen Wesen. Die mehrfachen Brüste verweisen auf die Physiologie anderer Säugetiere, während die Mündungen der Pistolen, die aus ihnen heraustreten, die Phantomkämpferin als Cyborg ausweisen. Im gesamten Werk fungiert das Motiv der Vervielfältigung zudem als Symbol für Kollektivität und Verbundenheit. Dies steht im Einklang mit der Kosmologie der Minahasa, in der das Konzept der Dreiheit eine zentrale Rolle spielt. Die Minahasa glauben an einen einzigen höchsten Gott, der durch eine Dreifaltigkeit repräsentiert wird, wie sie vom Christentum geprägt wurde.
Die „Vagina dentata“, der Mythos der gezahnten Vagina, ist in vielen Kulturen verbreitet. Er beruht auf der Vorstellung, dass der weibliche Körper von Natur aus monströs sei, und diente historisch häufig als warnendes Beispiel für die vermeintlichen Gefahren weiblicher Sexualität. In vielen Traditionen diente diese Erzählung vor allem dazu, Männer von sexualisierter Gewalt gegen Frauen abzuschrecken – indem der potenzielle Täter selbst als derjenige dargestellt wird, der Gefahr läuft, verletzt zu werden. Ihre Präsenz in Tonteys Video verweist auf die Instrumentalisierung von Körpern, insbesondere vor dem Hintergrund, dass sexuelle Gewalt in Konflikten ein verbreitetes Mittel ist. Gleichzeitig wird der Mythos zum Symbol des Widerstands gegen patriarchale Strukturen.
Biografien
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Credits
Natasha Tontey: The Phantom Combatants and the Metabolism of Disobedient Organs
Im Auftrag von LAS Art Foundation und Amos Rex
Artist Credits
Video Credits
Künstlerische Abteilung
Kamera
Licht
Set-Ton
Post-Produktion: Sound
Post-Produktion: Visuelles
Post-Produktion: Accessibility
Unit
Location
LAS und Amos Rex Projekt-Team
Installationsteam
Mit Dank an:
LAS-Team, Amos Rex-Team, Sohei Yasui, Anna Iso-Ahola, Noora Nuotio, Ziyi Pei, Alina Fichtner, Marielle Jaquier, Matilde Nuzzo, Saara Reiman (Kaiao)
Die Künstlerin dankt:
Die verstorbene Brigitte Montolalu (verst. 2025, Jakarta, Indonesien), Riar Rizaldi, Jeremy David Montolalu, Pieter Santi Waraney Montolalu, Familie des verstorbenen Jan Timbuleng, Emmy Kartini Timbuleng, Familie der verstorbenen Len Karamoy und Daan Karamoy, Reney Karamoy & Stella Gareth, Cici Karamoy & Revly Karamoy, der verstorbene Laurens Sarapung (Battalyon Jin Kasuang) (verst. 2025, Tondano, Minahasa), Manimporok Dotulong, der verstorbene Boeng Dotulong „Tua Lokon“ (verst. 2026, Arnhem, Niederlande), Eddie Pakasi (Corps Tentara Pelajar Permesta), Mawale Movement, Wale Papendangan Sonder, PUKKAT (Pusat Kajian Kebudayaan Indonesia Timur), Rikson Childwan Karundeng, Pdt. Ruth Ketsia Wangkai Denni Pinontoan, Yayasan Kebudayaan Minahasa Jakarta, die verstorbene Winny Wenas-Pakasi (verst. 2024, Jakarta, Indonesien), Tonaas Grevit Toalu, Tonaas Rinto Taroreh, die verstorbene Tonaas Annie Wowor (verst. 2023, Tompaso Baru, Südminahasa), Kieran Long, Bettina Kames, Flinder Zuyderhoff-Gray, Carly Whitefield, Itha O’Neill, Zoe Buechtemann, Alexis Convento, Antonella Perna, Christine Langinauer, Kawasaran Wulan Lengkoan, Junita Kesek & Septian R. W. Lolowang, Iwan Kewas & Marni Kojo, Christian Singon & Debby Mangindaan, Melky Sambow & Jeany Wowor, Herry Rompas, Koutje Sumarandak, Eno Kamasi, Wenda Tewu, Wale Walanda (Octa Kandouw), Gerda Sumampouw-Paath, Amphitheater Woloan, Yama Resort, D’88 Resort, Rinto Rais, Rimbun Air, Tamaska Hijau, Sabrina Mellisa Montolalu, Penceng „Simak Studio Kreasi“, Transmission from the other world, Ancestral signal, still transmitting — Len Karamoy (8. August 1934 – 22. Juni 1968)
Mit Achtsamkeit und Mitgefühl — I Yayat U Santi!








