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Der Titel Berl-Berl leitet sich vom altslawischen Wort „Berl“ ab, was so viel wie „Sumpf“ bedeutet. Das Wort bildet den etymologischen Ursprung des Namens der Stadt Berlin, die vor über 10.000 Jahren nach der Eiszeit als Feuchtgebiet und Sumpflandschaft entstand und im Laufe der Jahrhunderte trockengelegt wurde. Das Kunstwerk widmet sich dieser vergessenen, verdrängten Landschaft.
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DEEP DIVE | Jakob Kudsk Steensen

Berl-Berl Field Guide

Berlin ist auf einem Sumpf gebaut – „Berl“ ist das slawische Wort dafür. Ein Gang durch das Werk in drei Ebenen: vom Himmel über die Erde bis zu den Wurzeln.

Im Mittelpunkt von Jakob Kudsk Steensens Arbeit stehen Berlins Historie als Feuchtgebiet und die damit verbundenen Mythologien. Durch die Verschmelzung des Analogen mit dem Digitalen, neuester Technologien mit naturwissenschaftlicher Forschung, futuristischer Landschaften und komplexer Soundscapes schafft Kudsk Steensen raumgreifende Erfahrungen, die unsere Wahrnehmung von Zeit und Raum neu ausrichten.

Ein Triglaw – eine heidnische Gottheit – taucht in Berl-Berl in Gestalt eines großen Baumes auf. In der Mythologie repräsentieren die drei Köpfe des Gottes die drei Dimensionen der slawischen Kosmologie: Prav (Himmel), Yav (Erde) und Nav (Unterwelt). Diese drei Ebenen strukturieren den Weg durch das Werk: vom Himmel über die Erde bis in die Unterwelt.

Berl-Berl stellt Berlin ins Zentrum, seine Ursprünge und seine Vergangenheit ebenso wie unsere Zukunft. Eine Verschmelzung der Zeiten und Verschiebung unserer Perspektiven. Eine hybride Ode an diese an einem Sumpf gegründete Stadt und zugleich ein Mahngesang über untergegangene Welten.

KAPITEL I

Prav · Himmel

Die erste Ebene widmet sich den Erzählungen über den Sumpf und den Vorstellungen, die mit ihm verbunden sind. Berl-Berl ist ein Lied für den Sumpf, ein Ort für das Undefinierbare – in Bewegung, schwellenhaft und geheimnisvoll. Alte Lieder und Mythen treffen hier auf die Science-Fiction der Gegenwart: unterschiedliche Wege, sich einer Landschaft anzunähern, die sich jeder Ordnung entzieht.

Mythen und Lieder

Lange bevor die Sümpfe trockengelegt wurden, hatten die Menschen der Region eigene Wege, mit ihnen zu leben. Lieder waren ein wesentlicher Bestandteil alter menschlicher Feuchtgebietskulturen – sie halfen dabei, sich im Sumpf zurechtzufinden, und dienten der Weitergabe von Geschichten und Sumpflegenden. Speziell in der sorbischen Mythologie erscheinen Wassergeister wie der Wodjanoi als froschähnliche Wesen, Erweiterungen oder Verkörperungen des Sumpfes, die ihre menschlichen Mitbewohner:innen sowohl leiten als auch irreführen. Berl-Berl lässt Empfindungen und Perspektiven in Bezug auf Feuchtgebiete wieder aufleben, die den alten Gemeinschaften und ihrer tiefen Verbindung zum Sumpf verwandt sind.

„Ich träumte von einem Ort, an dem die Lieder aus der Erde kamen“

— Precious Okoyomon, Song für den Himmel von Berl-Berl

Fiktion als Werkzeug

Jakob Kudsk Steensen hat sich ein fantastisches, in gewisser Weise romantisches Reich erschlossen. Anregungen fand er bei Autor:innen aus der Öko-Science-Fiction wie N. K. Jemisin und Jeff VanderMeer. Kudsk Steensen nutzt die Kraft der Science-Fiction und ein Gefühl der Fremdartigkeit im Sumpfland von Berl-Berl, um die eigene Umgebung überdenken zu lassen.

Zugleich greift er Motive der Romantik auf: Berl-Berl ist schön und nostalgisch zugleich, dabei jedoch eine Illusion, eine mystische Fantasie eines Ökosystems.

KAPITEL II

Yav · Erde

Berl-Berl ist eine Landschaft. Die zweite Ebene führt auf den Boden: zu der Landschaft, aus der Berlin entstand, zu den Arten, die sie bis heute bewohnen, und zu der Arbeit im Schlamm, aus der das Werk hervorging. Berl-Berl beginnt mit einem Sumpf als Hauptdarsteller:in.

Der verdrängte Sumpf

Vor zehntausend Jahren entstand am Ende der letzten Eiszeit das Warschau-Berliner Urstromtal, ein gewaltiges Flussbett, das neben Feuchtgebieten auch die Flüsse Spree und Dahme hervorbrachte. Im 18. Jahrhundert setzten der aufkommende Kapitalismus und die Aufklärung den Rahmen für eine mehrheitliche Trockenlegung der westlichen Sümpfe.

„… die berühmte Museumsinsel im Wasserlauf der Spree wurde auf Holzpfählen gebaut.“

Sie galten als Antithesen dieser Ordnung – gefährlich, chaotisch, unzivilisiert – und sollten daher eingedämmt werden, zerstört im Zeichen des Fortschritts. Dabei gilt: Wenngleich Feuchtgebiete nur ein Prozent der Ökosysteme unseres Planeten ausmachen, beherbergen sie rund zehn Prozent seiner Artenvielfalt und spielen eine wichtige Rolle als Kohlenstoffspeicher und Wasserfilter.

Die Bewohner:innen

Kudsk Steensen interessiert sich besonders für Amphibien, die zu den Hauptdarsteller:innen von Berl-Berl zählen. In vielen Gesellschaften sind die Urtiere Symbole für Feuchtgebiete und Ökosysteme. Das Interesse des Künstlers an Fröschen reicht von ihrer historischen Bedeutung hin zu einer düsteren aktuellen Realität – Tausende von Amphibien verschwinden weltweit, und zwar infolge eines vom Menschen verbreiteten Pilzes. Zehn Arten aus Berlins Feuchtgebieten stellt das Museum für Naturkunde Berlin hier vor: von der Wasseramsel bis zum Straußenfarn. Viele von ihnen haben in Berl-Berl bereits ein neues virtuelles Zuhause gefunden

Vom Feld in die Simulation

Für Berl-Berl verbrachte der Künstler etliche Stunden mit Recherchen in den verbliebenen Feuchtgebieten Berlin-Brandenburgs, vor allem im Spreewald, um mit Makrofotogrammetrie ein umfassendes Bildarchiv zu erstellen. Er bildet ein einzelnes Objekt aus Hunderten von Bildern in all seiner Komplexität nach – ein Blatt, ein Schlammloch, Algen –, um es als Teil eines virtuellen Entwurfs neu zu erschaffen. Das Kunstwerk wird in Echtzeit „live“ erlebt – ausgeführt von der Videospiel-Engine –, es ist keine feststehende Animation, kein unveränderliches Video. Wie ein realer Wald ist Berl-Berl nie zweimal dasselbe.

KAPITEL III

Nav · Unterwelt

Berl-Berl verbindet uns mit der Geisterwelt, die direkt unter unseren Füßen liegt. Die dritte Ebene richtet den Blick auf das, was unter der Oberfläche wirkt: auf die Ideen, die das Werk tragen, und auf die Frage, was verloren geht – und was bleibt. Was man sieht, ist die Blüte, und die vergeht. Das Rhizom dauert. (C. G. Jung)

Den Sumpf denken

Der Sumpf dient seit jeher als Denkmodell. Sümpfe sind festes Land und flüssiges Wasser zugleich und doch nichts von beidem – sie entziehen sich den Ordnungen, mit denen wir die Welt ordnen. Der Philosoph Bruno Latour argumentiert, dass die Definition von Unterschieden – wie zwischen Natur und Kultur – überhaupt erst den Boden für unseren Klimanotstand bereitet hat. Berl-Berl wirft die Frage auf, wie sich Natur, Menschheit und Kultur neu verflechten lassen.

„Wir leben und atmen in dem Raum, den die Zersetzung hinterlässt.“

— Merlin Sheldrake, zitiert bei Emma Enderby

Verlust und Zukunft

Berl-Berl trauert um das, was verloren ist, und nimmt in sich auf, was neu ist. Das Werk richtet den Blick auf unser Zeitalter, das Anthropozän, in dem der Mensch zu einer selbst geschaffenen geologischen Gewalt geworden ist, die das sechste große Artensterben verursacht.

Kudsk Steensen spricht dabei vom „Berühren der Zeit“: Er betrachtet den Sumpf als einen Ort, der die Zeiten durch die Verknüpfung von Leben und Vergehen verschmilzt. „Wir leben nicht auf einer linearen Zeitachse; etwas, das in fünfzig Jahren geschieht, könnte direkt mit einem Ereignis von gestern zusammenhängen.

Künstler

Jakob Kudsk Steensen

Jakob Kudsk Steensen beschäftigt sich in seiner künstlerischen Praxis mit Environmental Storytelling in Form von 3D-Animationen, Sound-Arbeiten und immersiven Installationen. Seine Arbeiten wurden zuletzt unter anderem an folgenden Orten ausgestellt: Venedig Biennale; Serpentine Galleries, London; PinchukArtCentre, Kiew; MATADERO Madrid; Tranen Space for Contemporary Art, Kopenhagen; Pylon-Hub, Dresden; South by Southwest, Austin; BRIC Brooklyn; 5th Trondheim Biennale for Art and Technology; Carnegie Museum of Art, Pittsburgh; MAXXI, Rom; FRIEZE London und Ok Corral, Kopenhagen. Kudsk Steensen wurde als erster Künstler ausgewählt, eine Auftragsarbeit für die Serpentine Augmented Architecture Commission zu entwickeln, die 2019 von den Serpentine Galleries gemeinsam mit Google Arts & Culture und dem Architekten Sir David Adjaye, OBE, initiiert wurde. Er war zudem in der engeren Auswahl für den Future Generation Art Prize 2019 und wurde im Rahmen des Programms eingeladen, für Ausstellungsorte in Kiew und Venedig adaptierte Versionen seiner Installation RE-ANIMATED (2017–18) zu zeigen. Kudsk Steensen erhielt Auszeichnungen der Danish Arts Foundation, der Augustinus Foundation, des Lumen Prize, der International Academy of Digital Arts and Sciences, der Games for Change, der Lumière Foundation, des Telly Awards sowie des Cinequest Film & Creativity Festival.

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