
The Phantom Combatants
Eine neue Auftragsarbeit über Widerstand durch biologische Optimierung und Ahnenrituale
LAS Art Foundation (Berlin) und Amos Rex (Helsinki) präsentieren anlässlich der Biennale di Venezia – 61. Internationale Kunstausstellung eine neue Auftragsarbeit von Natasha Tontey im Ateneo Veneto. Tonteys multimediale Installation erzählt die Geschichte einer indonesischen Widerstandskämpferin aus den 1950er-Jahren. Die Arbeit verbindet körperliche und chemische Modifizierung, Symbolik aus der Minahasan-Kultur sowie moderne militärische Bildgebungsverfahren und thematisiert dabei die Souveränität von Körper, Kultur und Land.
The Phantom Combatants and the Metabolism of Disobedient Organs ist Natasha Tonteys bislang umfangreichstes Werk. Die Arbeit entstand im Auftrag von LAS Art Foundation und Amos Rex, zwei zukunftsorientierten Kunstinstitutionen, die innerhalb der letzten zehn Jahre mit dem Ziel entstanden sind, neue künstlerische Praktiken im technologischen Zeitalter zu fördern.
The Phantom Combatants ist im Ateneo Veneto di Scienze, Lettere ed Arti zu sehen, Venedigs Akademie für Wissenschaft, Literatur und Kunst. Sie befindet sich in einem Gebäude aus dem 16. Jahrhundert im Stadtteil San Marco. Besucher:innen betreten die Präsentation über einen Steg, der in eine Umgebung aus Video, Klang, Licht und skulpturalen Elementen führt. Im Zentrum der Installation steht ein Video, das die Geschichte von Len Karamoy neu erzählt. Karamoy war Kämpferin der Permesta, einer politischen Bewegung in Nord-Sulawesi, die von 1957 bis 1961 mit Unterstützung der CIA gegen die zentralistische Führung der indonesischen Regierung kämpfte. In Tonteys Neuerzählung ist Karamoy keine alleinstehende historische Figur, sondern vielmehr eine mythische Präsenz, die sich mithilfe eines Chors junger Kämpfer:innen zu den Phantom Combatants (dt. Phantomkämpfer:innen) vervielfacht. Ihr mutierter Körper erscheint – mit drei Brüsten und überzeichneten Muskeln – als extravagante Verkörperung der Selbstbestimmtheit. Ihre Disobedient Organs (dt. ungehorsame Organe) verstoffwechseln überlieferte und widerständige Kräfte in ihrem Körper.
„Mit diesem Projekt versuche ich, den leiseren Stimmen der Geschichte Gehör zu verschaffen [...]. Gleichzeitig eröffnet sich durch die Auseinandersetzung mit marginalen Stimmen auch die Möglichkeit, eine technologisch geprägte Zukunft aus anderen Perspektiven zu denken [...].“
— Natasha Tontey
Die Erzählung entfaltet sich als eine Geschichte von Verrat und Gerechtigkeit: Als Karamoys Geliebter zur Zentralregierung überläuft, üben sie und ihre Phantom Combatants Vergeltung. Unter der Führung eines Schamanen trainieren sie und vollziehen Rituale der Verwandlung, die sie körperlich und spirituell stärken.
Karamoy gehört wie Tontey zur indigenen Volksgruppe der Minahasan, die in Nord-Sulawesi beheimatet ist und deren vielschichtige Identität sowohl christliche als auch animistische Glaubensvorstellungen umfasst. Ein fester Bestandteil des Minahasan-Glaubenssystems ist das Fegefeuer, das wiederum in der frühbarocken Malerei Zyklus des Fegefeuers von Jacopo Palma il Giovane an der Kassettendecke des Ateneo Veneto über der Installation dargestellt ist und von Tontey in rotes Licht getaucht wird. Im Dialog mit der Installation spiegelt dieses Motiv den Schwellenzustand des ungelösten politischen Konflikts wider, den The Phantom Combatants behandelt.
Das Video verbindet die spielerische Ästhetik von B-Movies mit einer Mischung aus DIY- und CGI-Effekten sowie verschiedenen Bildgebungsverfahren, darunter aktuelle Entwicklungen wie Quantum Ghost Imaging, LiDAR (Light Detection and Ranging), Fotogrammetrie und Wärmebildkameras. Damit verweist die Arbeit auf Methoden, mit denen Territorien und Körper vermessen, kartografiert und militarisiert werden. Sie bewegt sich zwischen poetischer Erzählung und bewusst übersteigerter Theatralik und zeichnet sich durch stilisierte Kostüme und Requisiten aus. Als dritter Teil von Tonteys Reihe Macho Mystic Meltdown stellt The Phantom Combatants feministische und indigene Perspektiven in den Mittelpunkt und denkt Widerstand neu. Das Werk ist ein höchst aktueller Aufruf zu mehr Autonomie und Selbstbestimmtheit und fordert uns auf, das Konzept der Souveränität neu zu betrachten – nicht nur in Hinblick auf Territorien oder Wissen, sondern auch den Körper selbst – in einer Welt, in der alle drei weiterhin umkämpfte Schauplätze sind, um Machtansprüche durchzusetzen.

ATENEO VENETO © SILVA MENETTO
Biografien
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