
Liminals
Pierre Huyghe setzt sich in einer neuen Auftragsarbeit anhand von Quantenexperimenten mit Konzepten des Ungewissen auseinander
Die großformatige Installation umfasst Film, Sound, Vibrationen und Licht. Der Film, der vom Künstler als „moderner Mythos“ bezeichnet wird, folgt der Entstehung einer gesichtslosen, menschenähnlichen Gestalt, die verschiedene Zustände durchläuft. Laut Huyghe ist das Geschehen „außerhalb von Zeit und Raum angesiedelt, wo es keinen Anfang und kein Ende gibt, kein Innen und kein Außen, nur einen unaufhörlichen Tanz der Materie, in dem jeder Moment ein Vielleicht ist. Wir erleben die Versuche der Figur, zu existieren und sich einem einzelnen Zustand von Realität oder Bewusstsein zu entziehen. Dabei beginnen sich die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt sowie zwischen lebender und unbelebter Materie aufzulösen.“
Der Künstler verhandelt anhand dieser Allegorie das Ungewisse und führt uns in einen Schwellenraum, in dem sich verschiedene Zustände überlagern – ähnlich einem Quantensystem, das vor seiner Messung in mehreren Zuständen gleichzeitig existieren kann, bis die unendlichen Möglichkeiten zu einer einzigen Wirklichkeit zusammenfallen. Über diese Ideen sprach Huyghe mit dem Quantenphysiker Tommaso Calarco und dem Philosophen Tobias Rees. Ihre Gespräche mündeten in Huyghes Entscheidung, die Logik und die Outputs von Quantensystemen auf der Sound- sowie auf der Bildebene in seine Arbeit einfließen zu lassen. In diesem innovativen Produktionsansatz werden Zustände des Ungewissen verkörpert und Quanteneigenschaften in Sinneserfahrungen übersetzt.
In Liminals spielen Sound und Vibration eine wichtige Rolle. Huyghe und sein Team setzten verschiedene experimentelle Methoden ein, um eine dichte klangliche Erfahrung zu schaffen. Unter anderem arbeiteten sie mit Tommaso Calarco und Forschenden des Forschungszentrums Jülich zusammen, um die im Film dargestellten Schwingungen von Materie auf einem 100-Qubit-Quantencomputer von Pasqal zu simulieren. Die Ergebnisse wurden in Elemente des Sounddesigns übersetzt. Calarco vergleicht den Prozess mit dem Spielen eines Saiteninstruments, als würde man „an der Reihe der Atome des Computers zupfen, um ihren Widerhall zu hören“. Gemeinsam mit Rees entwickelte Huyghe die Idee einer Quantenwelt, die auf radikale Weise außerhalb der menschlichen Ontologie liegt. Für die Erzeugung bestimmter Szenen im Film nutzten sie ein auf Quantenrauschen basierendes KI-Modell.

Halle am Berghain. Foto: Stefan Lucks
Die Auftragsarbeit versetzt uns an einen Ort, an dem die Grenzen zwischen Körper, Umwelt und Bewusstsein verschwimmen. Sie verweilt in jenem Moment, bevor unsere Wahrnehmung stabil wird und verschiedene Möglichkeiten gleichzeitig bestehen. Hier erlangt etwas Form, das laut Huyghe etwas „radikal Fremdes“ für die menschliche Subjektivität ist – eine von Unbestimmtheit und Vielfachheit geprägte Quantenrealität. Indem er einen menschenähnlichen Körper in diese instabile Welt versetzt, konfrontiert er uns mit der Frage, ob wir eine solche Realität überhaupt nachempfinden können und unter welchen Bedingungen es uns möglich wäre, mehrere Seinszustände gleichzeitig zu erfahren.
Pierre Huyghes Liminals entstand im Auftrag der LAS Art Foundation und der Hartwig Art Foundation. Es ist die zweite großangelegte Installation im Rahmen des Sensing Quantum-Programms der LAS Art Foundation, das nach dem Auftakt im Frühjahr 2025 mit Laure Prouvost: WE FELT A STAR DYING von der Europäischen Kommission mit dem S+T+ARTS: Grand Prize – Innovative Collaboration ausgezeichnet wurde.
„Betrachtende, die die ambivalente Natur dieser Kreatur, ihre Monstrosität wahrnehmen, finden sich unbestimmbaren Zuständen ausgesetzt — den Ungewissheiten des Seins, Lebens oder Existierens. Der Film konfrontiert uns mit einem nichtexistenten Wesen, einer Seelenlandschaft, einem radikalen Außen, während er Empathie für das Unmögliche aufzubringen. [Die fiktive Welt ist ein] Mittel, um Zugang zu dem, was sein oder nicht sein könnte, zu finden – um sich mit Chaos auseinanderzusetzen und Zustände der Ungewissheit in einen erzählerischen Kosmos zu verwandeln.“
— Pierre Huyghe
Pierre Huyghe
Pierre Huyghe ist ein in Santiago de Chile lebender Künstler. Für Huyghe hat jede Ausstellung einen eigenständigen Charakter, der sich in Zeit und Raum entfaltet. Seine Arbeiten, als spekulative Fiktionen konzipiert, erscheinen oft als Kontinuitäten zwischen unterschiedlichen Erscheinungsformen intelligenten Lebens – biologisch, technologisch oder materiell –, die lernen, sich verändern und weiterentwickeln. Huyghes Werke sind durchlässig, von ihren Umständen geprägt und dennoch oft gleichgültig gegenüber ihren Betrachter:innen.
Zu seinen jüngsten Ausstellungen zählen Liminal, Punta della Dogana – Pinault Collection, Venedig (2024) und Leeum, Seoul (2025); Chimera, EMMA, Museum für moderne Kunst, Espoo (2023); Variants, Kistefos Museum, Jevnaker (2022); After UUmwelt, Luma Arles (2021); UUmwelt, Serpentine Gallery, London (2018); After ALife Ahead, Skulptur Projekte Münster (2017); sowie The Roof Garden, Metropolitan Museum of Art, New York (2015).
2013 tourte eine Retrospektive von Pierre Huyghes Werk aus dem Centre Pompidou in Paris ins Museum Ludwig in Köln und ins LACMA in Los Angeles. 2019 war Huyghe künstlerischer Leiter des Okayama Art Summit: IF THE SNAKE.
