Digital Booklet: Liminals
Einführung
Pierre Huyghe lädt dazu ein, uns neue Beziehungen zur Welt vorzustellen. Seine Werke funktionieren wie Gedankenexperimente, in deren Mittelpunkt häufig Ideen und Bedingungen stehen, die jenseits des menschlichen Erfahrungshorizonts angesiedelt sind. Mittels spekulativer Fiktion gestaltet er Begegnungen, die uns motivieren, auch andere Realitätsebenen in Betracht zu ziehen.
In dieser Auftragsarbeit untersucht Huyghe Konzepte des Ungewissen. Er fragt: „Wie können wir über einen einzigen Realitäts- oder Bewusstseinszustand hinausgehen? Können wir uns Bedingungen vorstellen, unter denen viele Möglichkeiten zugleich existieren, wobei jeder Moment ein Vielleicht ist und sich stets in ein Anderssein verwandeln kann? Ein unaufhörlicher Tanz der Materie, in dem verschiedene Zustände gleichzeitig erfahrbar werden?“
Im Laufe eines Jahres führte er Gespräche mit dem Quantenwissenschaftler Tommaso Calarco und dem Philosophen Tobias Rees, deren Einsichten in Quantensysteme die konzeptionellen und formalen Experimente des Projekts inspirierten.
Das Kunstwerk nimmt die Form eines Films an, der sich durch Licht, Sound und Vibration in die Architektur der Halle am Berghain ausdehnt. Es vermittelt ein Gefühl quantischer Ungewissheit und Vielfachheit. Damit sucht Huyghe dem Gestalt zu verleihen, was er als „radikales Außen“ der menschlichen Subjektivität bezeichnet und fordert uns zugleich auf, „die chimärische und fiktionale Natur unserer Erfahrung zu akzeptieren“.
„Liminals porträtiert eine monströse, jenseits des Vorstellbaren liegende Unmöglichkeit. Es ist ein spekulativer Ansatz, der Zustände des Ungewissen in einen Kosmos verwandelt.“
— Pierre Huyghe
Film
In raumgreifender Größe entfaltet Liminals einen modernen Mythos. Angesiedelt an einem Ort außerhalb von Zeit und Raum, gibt es hier weder Anfang noch Ende, weder Innen noch Außen, sondern lediglich sich verändernde und sogar widersprüchliche Zustände. Huyghe beschreibt diese Sphäre als „einen Ort, an dem alle Möglichkeiten gleichzeitig bestehen, bevor eine Realität Gestalt annimmt und alle anderen potentiellen Zustände in den Hintergrund treten“. Im Film manifestieren sich einige dieser nicht realisierten Möglichkeiten in einer menschenähnlichen Gestalt.
Die Figur entspringt einer, in den Worten des Künstlers, „mineralischen Membran“. Eine Leere durchzieht ihren Kopf und suggeriert, dass sie von den Möglichkeiten beseelt sind, die uns unzugänglich bleiben. Wir beobachten ihre Versuche, zu existieren, zu kommunizieren und einem festen Zustand von Realität oder Bewusstsein zu entkommen.
Viele Stellen des Films entziehen sich einer klaren Einordnung und wirken fast wie Halluzinationen oder schwer fassbare Augenblicke innerhalb der fotorealistischen Simulation. Diese Sequenzen destabilisieren unsere Wahrnehmung und versetzen uns an einen Ort, in dem mehrere Möglichkeiten gleichzeitig existieren können. Hier verschwimmen innere und äußere Bereiche miteinander und die Unterschiede zwischen Körper, Umwelt und den Kräften, die sie formen, lösen sich zunehmend auf.
Indem er eine menschenähnliche Figur in dieses instabile Reich versetzt, konfrontiert uns Huyghe mit der Frage, ob wir eine solche Realität für uns nachempfinden können, und unter welchen Bedingungen es uns möglich würde, mehrere Seinszustände gleichzeitig zu erfahren.
Sound
Das dichte Sounddesign des Films erzeugt eine Klangerfahrung, die von einem breiten Frequenzspektrum geprägt ist. Huyghes Team experimentierte mit Werkzeugen, die Vibrationen im Weltraum messen, und ließ imaginäre akustische Eigenschaften einer fremden physikalischen Atmosphäre erklingen, um die vielschichtige Komposition zu schaffen.
Das Team arbeitete außerdem mit Wissenschaftler:innen am Forschungszentrum Jülich, um die im Film visualisierten Schwingungen von Materie auf Pasqals 100-Qubit Neutralatom-Quantencomputer zu simulieren. Statt ein einziges, unveränderliches Resultat zu produzieren, generierten diese Simulationen ein Feld möglicher Zustände, die anschließend in Momente des Filmsounds übersetzt wurden. Quantenforscher Tommaso Calarco vergleicht den Prozess mit dem Spielen eines Saiteninstruments; er beschreibt ihn als das „Zupfen an der Atomreihe des Computers, um ihren Widerhall zu hören.“
Vibration
Vibration ist ein zentrales Konzept dieses Projekts. Auf Quantenebene verhalten sich selbst kleinste Teilchen wie Wellen, die sich ständig bewegen und oszillieren. Klang funktioniert auf ähnliche Weise: Schwingungen in der Materie erzeugen die Wellen, die wir hören. Das Kunstwerk vereint diese Ideen und nutzt Vibration als Grundlage seiner Klangwelt.
Partikel
Im Film lenkt Huyghe unseren Blick immer wieder auf die Bewegungen von Teilchen. Sie vibrieren zwischen den Felsen oder strahlen von der Figur nach außen, als würden sie unsichtbaren Kräften gehorchen. Ihre Schwingungen bringen uns die Welt in ihren kleinsten Dimensionen nahe – eine Realität, die nicht aus statischen Formen besteht, sondern aus Partikeln, die unaufhörlich vibrieren und voneinander abhängig sind.
Licht
Ein wichtiges Element des Films und der gesamten Ausstellung ist Dunkelheit. Sie erzeugt ein Gefühl von Grenzenlosigkeit und schafft Bedingungen, unter denen Formen mehrdeutiger werden. In dieser dunklen Umgebung spiegelt und invertiert ein einzelner kreisförmiger Lichtstrahl die im Film zu sehenden schwarzen Leerstellen. Subtil auf die Schwingungen im Raum abgestimmt, erweitert das Licht den Film über die Leinwand hinaus.
Pierre Huyghe
Pierre Huyghe ist ein in Santiago de Chile lebender Künstler. Für Huyghe hat jede Ausstellung einen eigenständigen Charakter, der sich in Zeit und Raum entfaltet. Seine Arbeiten, als spekulative Fiktionen konzipiert, erscheinen oft als Kontinuitäten zwischen unterschiedlichen Erscheinungsformen intelligenten Lebens – biologisch, technologisch oder materiell –, die lernen, sich verändern und weiterentwickeln. Huyghes Werke sind durchlässig, von ihren Umständen geprägt und dennoch oft gleichgültig gegenüber ihren Betrachter:innen.
Zu seinen jüngsten Ausstellungen zählen Liminal, Punta della Dogana – Pinault Collection, Venedig (2024) und Leeum, Seoul (2025); Chimera, EMMA, Museum für moderne Kunst, Espoo (2023); Variants, Kistefos Museum, Jevnaker (2022); After UUmwelt, Luma Arles (2021); UUmwelt, Serpentine Gallery, London (2018); After ALife Ahead, Skulptur Projekte Münster (2017); sowie The Roof Garden, Metropolitan Museum of Art, New York (2015).
2013 tourte eine Retrospektive von Pierre Huyghes Werk aus dem Centre Pompidou in Paris ins Museum Ludwig in Köln und ins LACMA in Los Angeles. 2019 war Huyghe künstlerischer Leiter des Okayama Art Summit: IF THE SNAKE.
Credits
Pierre Huyghe: Liminals, 2026.
Auftraggeber: LAS Art Foundation
Mitauftraggeber: Hartwig Art Foundation
23. Januar — 8. März, 2026
Pierre Huyghe Studio
Film credits
Film
Unreal Engine
Künstliche Intelligenz
Quantum
Scan 3D
Movement Director
Motion Capture: Mocap Lab
Skinning, Rigging, Simulation: Karlab
LAS Projekt-Team
Produktions- und Installations Team
Mit Dank an:
LAS-Team, Beatrix Ruf, Hartmut Neven, Amira Abbas, Michael Broughton, ShowTex, Berghain Ostgut (Andre Jürgens, Norbert Thormann, Krischan Makswitat), Sutton (Sara Kietzmann, Carlotta La Tour and Aniello Vallefuoco), Miles Schuler, Esther Schipper, Marian Goodman Gallery, Hauser & Wirth, Galerie Chantal Crousel, TARO NASU, Janine Armin, Sabine Bürger & Tim Beeby, pretix, Hood Security, ReFil Works.



